HaFI 019

Natascha Sadr Haghighian: Was ich noch nicht erkenne, jetzt in diesem Moment / What I Do Not Recognize Yet, Now at This Very Moment

paperback
16,5 x 24 cm
64 pages/Seiten

English/German

Editors/Herausgeber:innen: Tom Holert
Harun Farocki Institut

ISBN 978-2-940672-47-9

 

 

 „Wir versuchten, über diese Störung hinwegzukommen, indem wir die Wahrnehmung von rassistischen Strukturen zu unterdrücken lernten. Dadurch wurde auch die Entwicklung einer Gemeinsamkeit, eines Austausches über die Erfahrung von Rassismus erschwert. Sprachen die entwickelt wurden, um die eigene Wahrnehmung zu artikulieren, Literatur, Lieder – sie hatten höchstens street credibility in Deutschland, wenn sie überhaupt registriert wurden. Jede*r war in der epistemischen Blase der Integration als Ausländer*in alleine. Jede Form der Zusammenrottung wurde als gescheiterte Integration erachtet.“

In ihrem Text „Was ich noch nicht erkenne, jetzt in diesem Moment“ setzt sich Natascha Sadr Haghighian mit der Dialektik des Hinsehens im deutschen strukturellen Rassismus auseinander, indem sie auf das Wie und Warum des „Nicht-Sehens“ des NSU (der neonazistischen Organisation, die von 2000 bis 2011 in Deutschland rassistische Morde begehen konnte, ohne „entdeckt“ zu werden) zurückkommt. Der Text zeigt Modi des strategischen Ignorierens und Erkennens auf, die im strukturellen Rassismus wirken. Sadr Haghighians Interesse an Erkennen/Anerkennung (recognition) auf eine längere Studie über Sehweisen als politische Handlungen zurück, in der sie versuchte, Sehweisen aufzuspüren oder zu entwickeln, die sich dominanten oder suggerierten Sichtweisen entziehen. Das „Verirrte Sehen“, das nicht geradlinige Sehen, wurde zu einer dieser Sehweisen, die es erlaubt, die Aufmerksamkeit auf die Ränder zu richten, auf die Ereignisse außerhalb des Bildes, die das Bild eigentlich ausmachen. Heute versteht Sadr Haghighian diese Arten des Sehens als eine umkämpfte Verhandlung von Anerkennung und Ignoranz, die sowohl willentlich als auch bedingt ist. Bei dieser Verhandlung könnte ein Leben jenseits einer rassistischen Realität denkbar werden.

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“We tried to get over this disturbance by learning to suppress the perception of racist structures. This in turn made it difficult to develop a commonality, a conversation about the experience of racism. Languages that were developed to articulate one’s own perception, literature, songs—at most they had street credibility in Germany, if they were registered at all. As foreigners, everyone was on their own inside the epistemic bubble of integration. Any form of gathering and assembly was considered a sign of failed integration.”

In her text “What I Do Not Recognize Yet, Now at This Very Moment,” Natascha Sadr Haghighian grapples with the dialectics of looking in German structural racism by returning to the how’s and why’s of “not seeing” the NSU (the neo-Nazi organization that was able to carry out racist murders in Germany from 2000 to 2011 without being “found”). The text charts modes of strategic ignorance and recognition that operate in structural racism. Sadr Haghighian’s interest in recognition goes back to a longer study on ways of seeing as political acts, in which she tried to detect or develop modes of seeing that make themselves unavailable to dominant or suggested views. “Looking Awry,” not looking straightforwardly, became one of these modes of seeing that allow us to pay attention to the fringes, to the events outside of the image that in fact constitute the image. Today, Sadr Haghighian understands these modes of seeing as an embattled negotiation of recognition and ignorance, both willful and conditioned. By attending to this negotiation, life beyond a racist reality might become conceivable.

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